Weisung von oben

Meine Bilder werden hier durch geographische Breiten- und Längenangaben bezeichnet. Aber genauso könnte es auch ein Stück Haut sein unter dem Mikroskop betrachtet, ein Blutgefäß, ein Haar, ein Fingerabdruck, der Fußabdruck eines Elefanten oder die Spur einer Ameise; bewegtes Wasser, ein Blatt oder, oder … Zuerst habe ich gemalt, und als ich fertig war, habe ich im Atlas nach einer Ortschaft oder einem Landstrich, einem Gebirge gesucht, die durch das Bild beschrieben werden könnten. 

ARBEITEN

Jede Form findet sich überall in der Natur wieder, im Großen oder Kleinen, im Mikro- oder Makrobereich. Strukturen der kleinsten Pflanzen oder Lebewesen tauchen genauso in den Weiten des Alls auf. Und umgekehrt. Sie erscheinen uns nur dementsprechend kleiner oder größer. Wer will sagen, ob sie es wirklich sind. Welches ist der absolut richtige Blickwinkel? Eine wahre, die wahre Größe kann nicht existieren. Millionen, Milliarden, Billionen unendliche Möglichkeiten. Aber die Anzahl der Formen bleibt doch in der Weise endlich, als man keine von außen dazuerfinden kann.

Die Schöpfung hat alle Möglichkeiten vorgegeben. 

Ich selbst schreibe sie nur ab, indem ich sie zulasse. Ich fange sie ein und halte sie fest. Ich dokumentiere deren unendliche Allgemeingültigkeit. Und sollte es doch eine neue Form oder Struktur geben, die ich in meinen Bildern beschreibe oder aufzeige, dann war selbst die von der Schöpfung vorgesehen und lange vor dem Versuch meines Schaffens längst in Betracht und als Möglichkeit erwogen und zugelassen worden und gewollt. Der Akt der Herstellung ist eine einzige Empfindung von Hochspannung. Diese kann sich über Wochen hinziehen oder über Monate. Der erste Auszug der endlosen Reihe „Weisung von oben“ entstand über einen Zeitraum von etwa 18 bis 20 Monaten.  

Zwischendurch aß ich, schlief, trieb Sport, ging mit meinen Freundinnen aus oder ärgerte mich mit irgendwas rum. Aber letztendlich war ich stetig unter Spannung, lebte real oder in Gedanken im Atelier mit meinen Bildern und konnte in diesem Zustand – und das war meine Hauptempfindung – keine Fehler begehen.

Ich wusste, dass alles, was ich tat, richtig war. Ich dachte nicht mal darüber nach. Egal, wie ich es anfing, beschloss und beendete. In Sicherheit bearbeitete ich die Leinwand mit Besen, Rolle, Pinsel, Stein oder Hand. Der Zufall tauchte nur dort auf, wo ich ihn zugelassen habe. Scheinbar Misslungenes war der Nährboden für das anschließend, das Gesamtwerk weiter Ergänzende. 

In einigen Tagen will ich wieder anfangen. Die Pause war lang. Und mir geht es immer ganz leer, wenn ich zwar irgendwas Notwendiges arbeite, aber nicht male. Ich weiß, wie es sein wird – so wie immer: Ich fange an, um die Leinwände rumzuschleichen. Tue nichts. Schaue nur. Und ziehe mich nicht mal um. Dann tue ich es doch wieder und werde wieder nicht aufhören können. Der Gedanke verursacht mir Herzklopfen und Lust. Und durchaus nicht unerotisch. Ich sehe eine unfassbare Masse an Möglichkeiten vor mir. Mit jedem Bild werden sie nicht weniger, sondern immer mehr. Sie expotenzieren sich sozusagen.

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