Der Spermatit

Nichts existiert für sich alleine. Alles steht in Beziehung zueinander. Jede Zelle, jedes  Körnchen Stein, jedes Molekül, jedes noch so kleine Stück Materie: Neutrinos. Alles wird durch alles und sich selbst bedingt. Befruchtet sich gegenseitig. Lebt durch einander. Hat seinen unzerstörbaren Zusammenhang. Eins ist alles. Und alles ist eins. War eins. Ist eins. Und wird immer eins sein. Untrennbar. Dem Universum kann nichts entzogen werden. Das Universum ist alles und ist eins. Nichts kann dem Universum nach irgendwo entfliehen. Nichts kann von außen in das Universum eindringen. Ein Außerhalb vom Universum gibt es nicht. Außer (halb) des Universums existiert nichts. Weder Materie noch Geist können diesen Raum verlassen. Das Universum ist zwar unendlich groß, aber doch ein zeitlich geschlossener Raum. Es dehnt sich aus. Nur ein in sich geschlossener, definierter Raum kann sich ausdehnen. Kein Ereignis kann schneller sein als die Ausdehnung des Universums. Kein Ereignis kann außerhalb des Universums stattfinden. Kein Ereignis kann im Universum anfangen zu geschehen und außerhalb des Universums sein „Sich- Ereignen“ fortsetzen. Kein Ereignis, kein Licht, keine Materie und kein Geist kann die Ausdehnung des Universums überholen. So wie ein Kind nicht vor seiner Mutter geboren werden kann. Erst die Existenz des Universums bietet eine Plattform für das Sein. So wie eine Kinoleinwand dem Projektor. Nicht einmal die Zeit kann die eigene Zukunft überholen, um in Räumen Vergangenheit zu produzieren, die noch gar nicht existent sind. Infolgedessen muß man annehmen, daß alles (auch Seelen und Körper aller Lebewesen) im Universum verbleiben muß. Auch nach dem Tod. In welcher Form auch immer.

 

Das Universum dehnt sich aus. Aus sich selbst heraus. So, als ob es zu einem bestimmten Zeitpunkt, durch ein bestimmtes Ereignis dazu gebracht worden ist, zu wachsen. Dieses bestimmte Ereignis kann nur (nennen wir es mal Befruchtung) durch sich selbst geschehen sein, denn so unendlich klein es zu Anfang auch gewesen sein mag, etwas anderes kann es ja nicht gegeben haben. Einen Schöpfer schließt dies nicht aus; weder als „externes Wesen“, noch als Teil dieses unendlich kleinen und dichten Raumes. So wie er es zu diesem Zeitpunkt (wenn es überhaupt den Begriff diesen Zeitpunkt gibt) in einem zumindest aus der Erdensicht unendlichen großen Raum ist und in aller Zukunft sein wird. Dieser unendlich kleine Zustand hat zu einer Zeit existiert, nachdem er befruchtet worden ist. Das heißt, daß entweder ein Wille in die Tat umgesetzt worden ist oder der Zufall das Entstehen des Universums in Gang gesetzt hat. (Im Gegensatz zum ersten Fall erübrigt sich beim Zufall die Frage nach dem Zeitpunkt.) Und wenn alles eins ist, wenn nichts voneinander getrennt werden kann, alles einen gemeinsamen Ursprung, einen gemeinsamen Zeugungsmoment (zufällig oder nicht) hat, dann muß auch alles in irgendeiner Form zum Leben erweckt, zum Existieren gebracht, gezeugt, befruchtet, mit Energie versorgt worden sein. Der Zustand vor der Befruchtung, in seiner unteilbaren, dichtesten Form, ist der einzig mögliche, der als Ursprung bezeichnet werden kann.

 

Denn vor dieser Befruchtung muß ja schließlich etwas dagewesen sein, was man befruchten kann. Ein Spermium macht ja allein auch noch kein Lebewesen. Heißt dies aber denn nun zwingend, daß dieser, ich nenne ihn Präurzustand unbedingt aus Materie bestanden haben muß? Kann es nicht sein, daß er erst durch seine Befruchtung zu Materie wurde? Daß der Zustand unendlicher Fülle vielleicht nur aus unendlich starker Gravitation bestand? Daß erst die Befruchtung (Energie) diese unendliche Fülle zum Blühen brachte? Daß der Akt der Befruchtung ein Aufeinandertreffen von Gravitation und Energie war, der als solcher zwar gewollt war, aber daß der Zeitpunkt der Zeugung, so wie etwa beim Menschen, nicht genau bestimmt werden kann? Daß Wille und Zufall sich einander nicht zwingend ausschließen müssen? Der Urzustand. Die singuläre Vergangenheit des Universums? Kann das Universum wirklich nur eine Vergangenheit haben, die zeitlich vor dem Existieren des Universums stattfand? Ist die Vergangenheit nicht ebenso Teil des Universums? Denn wäre sie es nicht, besagte Und ja, daß sie sich als Ereignis „außerhalb“ des Universums ereignet hätte. Dann müßte dies aber auch für die Gegenwart und die Zukunft gelten. So muß die Zeit erst mit der Geburt des Universums zu existieren begonnen haben. Denn wie könnte ein Urzustand einem anderen vorhergehenden Zustand folgen, ohne wiederum jenen damit zum eigentlichen Urzustand zu machen? Aber wenn dieser Urzustand keine Vergangenheit haben konnte, er selbst also die singuläre Vergangenheit des Universums darstellt, welches Ereignis brachte ihn dann in die Lage, Urzustand zu werden, ohne selbst wiederum die Vergangenheit der singulären Vergangenheit zu werden? Konnte Zeit erst vergehen, nachdem das Universum begann, zu existieren? Ist Zeit untrennbar an Materie gebunden, oder war die Gravitation des Urzustandes so stark, daß selbst die Zeit ihr nicht entrinnen konnte? Besteht die Zeit selbst gar aus Teilchen oder Wellen, so wie etwa das Licht auch?

 

War Zeit also Teil dieses  Präurzustandes, und trug dieser Zustand seine Vergangenheit und seine Zukunft und seine Gegenwart schon damals in sich? Bedeutet dies, daß es weniger verschiedene Zeiten gab oder gibt, als vielmehr Ausrichtungen der Zeit? Angenommen, es gab diesen Präurzustand? Welches Ereignis trat dann befruchtend ein? Was machte den Urzustand zum befruchteten und was brachte ihn dazu, sich auszudehnen und zu wachsen? Woher kam oder kommt die Energie? War dieses Ereignis willkürlich eingetreten oder zu einem bestimmten oder bewußten Zeitpunkt? War es willkürlich (zufällig) eingetreten, welche Zufälle trafen aufeinander? Welche Zufälle konnten geschehen um diese unvorstellbare Energie zu schaffen, um das Universum und das Leben entstehen lassen zu können? Wenn es bewußt und bestimmt eingetreten war, wer hat dann diesen Zeitpunkt bestimmt, und welche Mittel standen der Erschaffung oder Befruchtung zur Verfügung, um eine Entwicklung in Gang zu setzen? Was brachte Zufall oder Schöpfer dazu, gerade zu diesem Zeitpunkt einzutreten oder zu handeln? Wenn esWille der Schöpfung war, mit der Existenz zu beginnen, wo existierte dieser „Wille“ dann bis zu diesem Zeitpunkt, und warum wurde bis dahin gewartet? Was brachte den Schöpfer dazu, zu handeln? Ist der Schöpfer, so er denn für die Befruchtung des Urzustandes (und dann ja eigentlich auch für den Präurzustand, den hier so genannten „gravitativen“ Zustand) verantwortlich ist, ein singuläres Wesen mit einem Willen? Oder ist das Universum vielleicht Ergebnis eines wie auch immer gearteten Konferenzbeschlusses höherer, konferierender Instanzen? Kann es neben dem Schöpfer noch weitere beteiligte Kräfte geben? War die Schöpfung demokratisch? ( Trägt sie doch die demokratische Idee in sich.) Oder diktatorisch?


Gab es verschiedene Entwürfe oder Ideen für ein Universum und seine Lebensformen, von denen die existierenden unter verschiedenen ausgewählt worden sind? Kann es einen Schöpfer außerhalb der von ihm geschaffenen Schöpfung geben? Hat sich der Schöpfer als Teil des Universums selbst mitgeschaffen? Muß er nicht von dem Moment an, als er zumindest als Idee oder Möglichkeit existiert, allein schon aus diesem Grunde, Teil des Universums sein? Denn wäre er das nicht, wäre er außerhalb des Universums, dann könnten wir noch nicht mal die Vorstellung davon haben, keine Vorstellung vom Schöpfer zu haben. Macht die Idee eines Schöpfers ihn nicht unwiderruflich zu einem Teil unserer Welt? Weil wir die Idee von ihm haben, existiert der Schöpfer, sonst hätten wir diese Idee nicht. Nur der Schöpfer kann uns die Idee des Schöpfers gegeben haben. Alles, was wir denken und fühlen können, ist mit Teil unseres Bauplans. Die Möglichkeit, über ihn nachzudenken, ist gewollt, sie kann nur gewollt sein, denn sonst hätten wir sie nicht. Nur ein Schöpfer kann uns die Idee eines Schöpfers gegeben haben, denn eine Entstehung der Welt und des Lebens ohne den Schöpfer hätte ihn, den Schöpfer, in der Vererbung der Gedanken gar nicht zulassen können.

 

Ist die Schöpfung beendet? Wenn nicht, in welchem Stadium befindet sie sich dann? Kann es überhaupt sein, daß Schöpfung oder Ursprung ein Ende der Vergangenheit anzeigen, d. h. den absoluten Beginn anzeigen? Müßte dann nicht auch die Zukunft endlich sein und irgendwann abrupt enden? Ist dieser Zeitpunkt bereits festgelegt? Gibt es eine singuläre Unendlichkeit, die nur in der Zukunft liegt? Oder zeigt die Zeit in zwei Richtungen? Oder steuert man über die Zukunft nicht wieder auf die Vergangenheit zu, und es gibt weder das eine noch das andere so richtig? Da der Ursprung immer wieder die Frage nach dem jeweiligen vorher zuläßt, sollte ein Anfang als der Beginn des Universums ausgeschlossen sein. Ebenso ist ein Ende ohne ein Danach unvorstellbar. Liegt die Zukunft wirklich vor uns, oder bewegen wir uns im Gang der Zeit nicht direkt auf die Vergangenheit zu? Ist der Anfang wirklich der willentlich bestimmte Anfang oder nur ein willkürliches oder zufälliges Ereignis als Teil eines ewigen nie anfangen und enden wollenden Kreislaufes? Ist denn dann nicht der Moment der Befruchtung nicht ebenso Teil des Kreislaufes und der Tod nichts weiter als eine Art räumliche und temporäre Verwandlung? Ist es nicht so, daß wir uns durch uns weitergeben und das Sterben nicht mehr bedeutet als Wandel? Für unsere sterblichen Überreste, die „zu Staub“ werden, mögen wir solche Thesen ja zulassen. Ist dieser Gedanke ja zum Greifen nachvollziehbar. Doch was unsere Seelen betrifft, übersteigt es unser Vorstellungsvermögen.

 

Vielleicht haben wir alle auch viel zu viel Angst davor, uns ernsthaft mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß unsere Seelen ebenso wieder in einen Kreislauf eingehen. Denn allein der Gedanke, mit vielen anderen Seelen verschmolzen zu sein, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben will, ist nicht gerade ein wohliger Gedanke. Oder wissen wir es alle, wie es ist, und dürfen es nicht sagen oder können es nicht, weil es einfach zu gewaltig ist? Wie immer es sein mag: Das Leben im Universum existiert seit unendlich langer Zeit und für unendlich lange Zeit. Und so unwahrscheinlich es klingen mag, je größer der Abstand zwischen Anfang und Zukunft wird, um so kleiner fühle ich den Abschnitt, der zwischen diesen beiden Momenten noch liegt. Das heißt, je weiter ich mich in die Zukunft bewege, um so schneller und um so näher bewege ich mich auf die Vergangenheit zu. Dies ist keine Fragestellung und auch keine intellektuelle Leistung, die auf Überlegungen beruht, sondern schlichtweg ein Gefühl, das ich habe.


Das ewige Leben gibt es. Oder besser: es gibt nichts anderes. Angetrieben von einer unvorstellbaren Energie, die in uns und um uns die Grundlage des Seins darstellt. Sei es in Form eines Luftmoleküls, eines kleinen Gesteinsbrockens, eines Tropfens Wasser, einer Eizelle oder einer Spermazelle.